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2023. Ein Jahr zum Vergessen? Nicht unbedingt...

Entgegen der weitverbreiteten und wie wir finden, merkwürdigen Unsitte voreilig auf die Vergangenheit zurückzuschauen, erfolgt der Kopf & Kragen-Jahresrückblick erst dann, wenn das alte Jahr wirklich zu Ende ist: nämlich im neuen Jahr. Hier nun ein absolut unvollständiger Rückblick, eingebettet in die vier Jahreszeiten (die Übergänge sind wie gewohnt fließend) und unter Ausblendung der weltweiten Krisen.


Frühling

Mit dem Erwachen von Mensch und Natur ist auch bei uns Farbe eingekehrt: Gemeinsam mit drei von uns sehr geschätzten Künstler:innen, namentlich Susanne Bonowicz, Christian Weber und Ruben August Fischer, und in Kooperation mit einer Druckerei, haben wir unsere ersten Siebdruckserien in einer limitierten, gestempelten und nummerierten Auflage von je 50 Exemplaren produziert und veröffentlicht.



Wie auch in ihren abstrakten Malereien hat die Berliner Künstlerin Susanne Bonowicz mit ihrem Siebdruck »Garden of Yellow« einen urbanen Dialog eröffnet, der die wechselseitigen Beziehungen sowie die gegenseitige Beeinflussung von Kultur und Natur erforscht. Während der Maler, Kalligraf und Installationskünstler Christian Weber mit seinem Siebdruck »Nōtan 44« an die Tradition der im Kopf & Kragen Literaturverlag veröffentlichten Werke »Metamorphosis« und »NŌTAN – Monotype Manga« angeknüpft und eine organisch wirkende visuelle Struktur geschaffen hat, ist der Illustrator, Grafikdesigner und Politik-Propagandist Ruben August Fischer dem Ruf der Ausserirdischen Invasoren Partei Deutschlands (AIPD) gefolgt: »Freiheit durch Unterwerfung«.


Sommer

Im Frühsommer haben wir mit Wilfried N´Sondés fulminanten Roman »Frau des Himmels und der Stürme« unsere erste Übersetzung aus dem Französischen vorgelegt. Über ein Jahr lang hatten wir gemeinsam mit der vielfach ausgezeichneten Übersetzerin Brigitte Große darauf hingearbeitet, kein Risiko, keine Kosten und keine Mühen gescheut. Aber in jenem Moment, als wir das neben der Übersetzung und dem Satz auch optisch und haptisch einwandfrei gefertigte Buch zum ersten Mal in unseren Händen gehalten haben, sind alle Mühen vergessen und alle Zweifel, ob das Ganze für uns als Verlag im zweiten autodidaktischen Ausbildungsjahr nicht doch eine Nummer zu groß ist, verflogen gewesen.


Frau des Himmels und der Stürme, Wilfried N’Sondé, veredeltes Hardcover mit Leseband, 256 Seiten, Format 12,5 x 20,5 cm, 24 €, ISBN 978-3-949729-10-2

Allerdings: Ohne die finanzielle Förderung durch das Institut Français, das Centre national du livre (CNL) und den Deutschen Übersetzerfonds hätten wir dieses Buch wahrscheinlich nicht realisieren können, denn hervorragende Literaturübersetzungen und die angemessene Vermarktung sind ziemlich teuer – zumindest für uns.


Buchtrailer zum Roman »Frau des Himmels und der Stürme« (Video: Chafik Kahla, Sound: S.X.Y.Z)

Die Buchpremiere haben wir an einem der heißesten Tage des Jahres und unter Zuhilfenahme von eisgekühltem Crémant mit Wilfried N’Sondé, der Schauspielerin Roxana Safarabadi, dem Autor Poljak Wlassowetz und dem Maler und Musiker Cris Koch im Literaturhaus Berlin gefeiert. Im nachfolgenden Gespräch haben sich der Autor, die kongeniale Übersetzerin Brigitte Große und der Herausgeber René Koch über die Hintergründe und die Entstehungsgeschichte des Buches ausgetauscht.


»Ein literarischer Aufruf, solidarisch über alle Grenzen hinweg miteinander gegen die Zerstörung unserer Umwelt zu kämpfen.« der Freitag

Die sich an die Buchpremiere anschließende deutschlandweite Lesereise mit Stationen in u.a. Hamburg, München, Stuttgart, Bonn, Mainz, Dresden und Rostock (nochmals herzlichen Dank alle Kooperationspartner:innen vor Ort) wurde von etlichen Kopf & Kragen-Messebesuchen flankiert (z.B. Linke Buchtage in Kreuzberg, Berliner Bücherfest am Bebelplatz, Kleine Verlage am Großen Wannsee etc). Dank der vielen neuen Erfahrungen wissen wir nun umso mehr, wo wir hin und was wir niemals sein wollen.



Auch unsere zweite Veröffentlichung im Jahr 2023 ist etwas Besonderes und zugleich längst Überfälliges gewesen: das überragende und zwingend notwendige (schließlich symphatisiert inzwischen ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Bevölkerung mit einer von Faschisten und Nazis verseuchten Möchtegernvolkspartei) Parteiprogramm der AIPD. Endlich gibt es eine echte Alternative zu unserer wahnsinnig gewordenen Gegenwart, endlich existiert ein Leitfaden für die Zukunft der Menschheit.


Das vom AIPD-Propagandisten Ruben August Fischer geschaffene Parteiprogramm, ein Programm, das (Ehr-)Furcht einflößender und visionärer nicht sein könnte, ist eine Mischung aus Graphic Novel, satirischem Pamphlet und Illustrationskunst in Neonpink. Lang lebe der Schwarm! Lang lebe die AIPD!


Buchtrailer Parteiprogramm der AIPD mit dem Titel »Feiheit durch Unterwerfung« (Video: AIPD)


Eine weitere besonders erfreuliche Entwicklung, die im Zusammenhang mit unseren beiden Veröffentlichungen nicht unerwähnt bleiben soll: Unsere Bücher und wir als Verlag sind im vergangenen Jahr mehr und mehr von der Presse wahrgenommen worden. Neben zahlreichen positiven Rezensionen zum Roman »Frau des Himmels und der Stürme« (u. a. hier: rbb Kultur, WDR, Deutschlandfunk Kultur, der Freitag, NDR Kultur), einigen Besprechungen zum Parteiprogramm der AIPD und mehreren Verlagsvorstellungen in Branchenmagazinen, haben wir uns im Speziellen über ein Kopf & Kragen-Verlagsportrait im Deutschlandfunk gefreut, schließlich hat sich uns damit die wunderbare Gelegenheit geboten, über unser Programm und unsere Visionen sprechen zu können (was im ewigen Ringen um Aufmerksamkeit keine Selbstverständlichkeit ist).


Ein sonnengeblendeter Kopf & Kragen-Verleger präsentiert in unseren Neuköllner Verlagsräumen unsere Neuerscheinungen. Im Hintergrund ist eine Malerei des Künstlers Cris Koch zu sehen.


Herbst

In diesen stürmischen Zeiten haben wir erwartungsvoll zum Himmel aufgeschaut und einem astralen Ereignis entgegengefiebert: der Landung der außerirdischen Invasoren in Berlin. Nach der Veröffentlichung des wohl wichtigsten Parteiprogramms in der Geschichte der Bundesrepublik im Sommer 2023 ist es dann im Herbst endlich soweit gewesen: Der AIPD-Propagandist Ruben August Fischer hat stellvertretend für die Ausserirdische Invasoren Partei Deutschlands deren Parteiprogramm »Freiheit durch Unterwerfung« vorgestellt.


Die Limousinen der Berliner Politikprominenz haben kreuz und quer auf den Gehwegen gestanden, eilig abgestellt wie sonst nur die getunten Sportwagen von Neuköllner Geschäftsmännern. Senator:innen, Minister:innen etc. und Ex- Bundeskanzler:innen haben versucht, sich durch den Pulk von AIPD-Ultras und Literatur- und Kunstinteressierten zu drängeln, um durch die leuchtend pinken Schaufenster des Projektraums Walden Kunstausstellungen einen Blick erhaschen zu können, was die AIPD vorhat (Spoiler: nichts Geringeres als die vollständige Versklavung aller Menschen und die restlose Ausbeutung des Planeten Erde).



Inmitten des Politiktrubels haben wir ganz nebenbei unter dem Titel »Salon 2: Literatur und Kunst, Kritik und Visionen« unser bisheriges Programm präsentiert und obendrein unseren zweiten Geburtstag gefeiert (gemessen an einem menschlichen Leben, befinden wir uns also in jener Phase, in der man allmächlich sprechen und laufen kann).


Herzlichen Dank nochmals an alle beteiligten Künstler:innen (u.a. auch die U8-Autor:innen Aidin Halimi, Daniel Klaus, Frauke Gerstenberg und Marlies Pahlenberg), an alle anwesenden Gäste und den Host Walden Kunstausstellungen für dieses großartige Wochenende!



Winter

Hinter uns liegen zwei ebenso aufregende wie anstrengende Jahre und da wir nicht vorhaben, uns im niemals abkühlenden Glutofen namens Buchmarkt zu schnell zu verheizen, wir ohnehin auf Qualität und nicht auf Quantität setzen wollen und uns obendrein um unsere eigene Textproduktion kümmern möchten, sind wir mit dem Einziehen des Winters zu einer Welttournee aufgebrochen.


Während unserer bisherigen Stationen in Georgien, Aserbaidschan, Nepal, China und auf den Philippinen haben wir das getan, was uns seit jeher inspiriert: beobachten, lesen, recherchieren, sich mit Fremden austauschen, offen, neugierig und kritisch sein, teilen, zuhören und mitfühlen, faulenzen, schlafen und träumen. Und so soll und wird es weitergehen. Wir sammeln neue Kraft und neue Ideen, planen neue Bücher und freuen uns trotz all der Krisen, auf das kommende Jahr – irgendwie muss man ja (über-)leben.



Herzlichst und auf bald Kopf & Kragen


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